Campanula
Seit vielen Jahren habe ich mich auf die Campanula spezialisiert – ein celloähnliches Instrument in Form einer Glockenblume und mit Resonanzsaiten. Es wurde erfunden und gebaut von Helmut Bleffert, auf die Anfrage hin, ob es möglich wäre, ein Cello zu bauen, das die Form einer Blüte hat. So fiel die Wahl auf die Glockenblume (lateinisch Campanula).
Die Campanula entfaltet eine bisher ungehörte Klanginnigkeit und erschafft einen natürlichen Klangraum. Sie kann wie ein Seismograph innerste Regungen zum Ausdruck bringen. Viele Menschen sind tief berührt von der wahrhaft „zauberhaften“ Wirkung dieser Klänge, die das hörende Herz direkt erreichen: engelshaft, aber gleichzeitig auch naturhaft-raunend.
Unter dem Griffbrett sind 20 Resonanzsaiten gespannt, die über den ganzen Korpus laufen und um die Stachelbirne herum gestimmt werden. Durch die Auflage am Steg teilen sie sich in ein Längenverhältnis von 15:16. In der Obertonreihe entspricht dies dem Intervall einer kleinen Sekunde. Diese Einteilung ist bis in die höchsten Obertöne sehr rein klingend.
Ich spiele eine 2022 gebaute Sonderanfertigung mit einer 5. hohen Saite sowie einem zusätzlichen Resonanzkasten am Kopf des Instruments mit 17 weiteren Resonanzsaiten (siehe rechts). Die hohe E-Saite ermöglicht unter anderem, dass ein Großteil des Violinrepertoires – nach unten oktaviert – mit großem Gewinn gespielt werden kann.
Glockenblumenblüh’n auf dem Bluthügel: Torben Maiwald spielt Solowerke auf der Campanula im Goetheanum
[…] Zum Goetheanum komme ich erstmals wegen eines besonderen Konzerts. Der deutsche Komponist, Cellist, Pianist, Musikphänomenologe und Philosoph Torben Maiwald, Jahrgang 1978, spielt […] einen Soloabend auf der Campanula. Nein, das ist keine Glocke, die heroisch vom einstigen Schwerterklingeln widerhallt, sondern eine Glockenblume, aber eine große, hölzerne der besonderen Art: ein 5-saitiges Cello mit ganz vielen Resonanzsaiten und einem zusätzlichen turmartigen Schneckenaufbau mit 17 weiteren, ausschließlich die obertönige Höhe erweiternden Resonanz-Saitchen. Es klingt, als würde man ein Cello auf der geschlossenen Wendeltreppe unter der Kanzel einer Kathedrale spielen – wie mit einem kleinen nahen und einem großen fernen Nachhall, mit einer ganz kleinen – eingebildeten – Spur von Echogefühl. Und es ist mutmaßlich einigermaßen heikler zu spielen als ein normales Cello. Das Ganze ist sensationell, aber mehr in Richtung Stille als in Richtung offenkundiger Pracht – was auch, wahrscheinlich vor allem, am Spiel Torben Maiwalds liegt, dessen Auftritt jeglicher Show und Veräußerung entbehrt, ebenso wie jeglicher Trockenheit und Beweislastigkeit. Er musiziert in aller Schlichtheit – in dem Sinne, wie Bach und seine Zeitgenossen das Wort verstanden haben, also mit Klarheit, Verfeinerung und Tiefgang, und mit von nichts zu viel oder zu wenig, der ideale Mittelpfad zwischen Primitivität und Verkünstelung, den kaum einer sicher zu gehen weiß, weil der Narzissmus, den wir alle kennen in uns selbst, in jedem Moment der Todfeind dieser inneren Balance ist. Zwischen Scylla und Carybdis also schifft uns Steuermann Maiwald hindurch, mit so besonnener wie feinnerviger Navigation, und zwischendurch bedaure ich eigentlich nur ein wenig, dass kein Ton Bach erklingt.
Der gesamte Abend ist anthroposophischer Musik gewidmet, und das ist – in Kürze – hochinteressant: Jan Stuten (1890–1948), der Hofkomponist Rudolf Steiners (also symbolisch ein bisschen das, was Thomas de Hartmann für George Iwanowitsch Gurdjieff war), mit echt freigeistiger, in ihrer Schlichtheit weite, manchmal unendlich anmutende Räume durchschreitender Musik (3 Trauermusik-Miniaturen) von durchgeistigter Schönheit in freier Tonalität; Hermann Picht (1905–33), ganz jung verstorben und in seiner Sprache dem Zwölftonspieler Josef Matthias Hauer nah, mit drei kleinen Soloviolin-Stücken von anmutiger Bizarrerie; Christa von Heydebrand (1915–71) mit Bratsche-Solowerken: einem Purgatorio in 4 Miniaturen und einem Abendrot, alles von idiosynkratischer Eigenwilligkeit, unbeirrbar über Stock und Stein geschrieben und gerade in der schroffen Abweisung jeglicher Politur fesselnd; und schließlich der Professionellste im Bunde mit dem einzigen Originalwerk für Cello an diesem Abend (alle anderen Stücke hat Maiwald selbst auf sein Instrument übertragen): Leopold van der Pals (1884–1966), mittlerweile als Orchester- und Kammermusikkomponist auf Tonträger dank einer Serie bei cpo auch ein bekannter Name unter den Unbekannten, mit seiner dreisätzigen Sonate für Cello solo op. 64 von 1925, also zwei Jahre nach der Brandstiftung vor Ort und im Todesjahr seines Meisters Rudolf Steiner komponiert – dieses Werk schließt nicht nur sehr wirkungssicher, es ist wohlproportioniert durchkomponiert, mit klarem Formbewusstsein, wenn auch nicht ganz frei von ein paar Routine-Sequenzierungen. Ein so wunderbares wie eigentümliches und abenteuerliches Programm. Die Darbietungen sind ganz wunderbar und weisen nach innen. Man geht erfüllt nach Hause, ohne Rausch, aber erhellt und sozusagen lichtdurchflutet. Überflüssig zu sagen, dass Maiwald sein Instrument in allen Tonlagen meisterlich beherrscht und der „interpretatorische Dämon“, den einst Celibidache so treffend bei Heinrich Schiff und Kollegen lokalisierte, hier nicht mal die Chance erhielt, hinter dem Griffbrett hervorzulugen, geschweige denn zuzuschlagen. So darf, soll und muss es sein. Musik, die dazu noch passen würde? Johann Sebastian Bach, John Foulds, Heinrich Kaminski, Martin Scherber – ja, und auch Gurdjieff, Pärt, und Maiwald selbst…
Lena-Salome Bachrich, April 2024 (Quelle)