Essays

Über das Komponieren

“Eine Sphäre, die ich bisher noch gar nicht kannte.”

“Modern und doch tief vertraut.”

“Eine große musikalische Schönheit.”

“Wie ein einziges, großes Gebet.”

“Ein Gefühl von Wahrheit beim Hören dieser Musik ...”

“Wahrhaft zeitgemäß.”

“Wie eine Kathedrale ... große Weite ...”

“Jeder Ton dieser Musik senkt sich tief ein, und jeder Raum zwischen ihnen hat so viel Kraft ... sie alle fügen sich so wunderbar zusammen, bis zu den Sternen ...”

“So eine Musik habe ich noch nie gehört.”

​Diese Äußerungen von Menschen, die meine Musik gehört haben, beschreiben ziemlich genau, was ich mit meiner eigenen Musik versuche: in eine Sphäre zu führen, die einem tief vertraut ist wie eine Heimat und vor deren Schönheit und geheimnisvollen Gestalten man doch staunend und andächtig steht.

Ich meine, man braucht die Musik, um sich daran zu stärken und aufzurichten, damit man dann umso kraftvoller wieder ins „normale Leben“ eintauchen kann. So wie wir jede Nacht im Schlaf eine Welt betreten, die uns auf wundersame Weise erfrischt, kann auch die Musik, die wir am Tage hören, eine erneuernde, aufbauende Wirkung haben. Wie klingt eine Musik, die so etwas kann?

Sie sollte wohl nicht selbst etwas für sich „sein wollen“, sondern eher auf etwas hindeuten – etwas, das höher ist als wir selbst, das wir erahnen, tasten, aber noch nicht klar sehen und erkennen können. In der Musik ist es am schönsten, wenn auch am Schluss noch ein Geheimnis ungelöst bleibt und der Hörer mehr Fragen als fertige Antworten empfangen hat. Dabei kann das Gefühl entstehen, an einem Geschehen teilzuhaben, an dem wir selbst auch mitschaffend beteiligt sind – also nicht bloß konsumieren. Die gespielte Musik ist mehr ein dargereichtes „Angebot“ – ob es aufgenommen wird, ist keinesfalls sicher. Wenn es aber geschieht – viele Musiker kennen dieses seltene, aber intensive Gefühl –, dann scheint es, als hätten noch mehr als die Spieler und Zuhörer mitgeholfen, dass ein besonderer musikalischer Moment entsteht.

Mit diesem Hintergrund versuche ich, Musik zu schreiben. Äußerlich ergibt sich als Grundcharakter oft eine stille Musik, in der nur so viel geschieht, wie man mit der Empfindung folgen kann. Ideal wäre es, wenn die Musik ohne größere Erklärungen ganz für sich stehen und wirken könnte. Üben lässt sich jedoch die erwünschte Hörhaltung, in der ein Lauschen zugleich ein Mit-Musizieren ist. Eine mögliche Hinführung auf meine Musik ist oft, den Hörer darauf aufmerksam zu machen, dass Hören eine aktive Tätigkeit ist, das heißt dass unsere Ohren nicht bloß offene Tore sind, in die ungefiltert alles Mögliche hinein rauscht, was dann von unserem Gehirn irgendwie weiterverarbeitet wird. Manche Menschen berichten auch, dass sie beim Hören von Musik das Gefühl haben, ihr Herz „höre“ mit. Andere nehmen innerlich erlebte Bewegungen, sogar Farben wahr. Solches geht weit über das rein akustische Aufnehmen von Schallwellen hinaus.

Eine seltene Gelegenheit, Einblicke in die Musik des Himmels zu erhalten, bietet das Buch Brücke über den Strom von Botho Sigwart zu Eulenburg. Das Eigenartige seiner Komponistenbiografie ist, dass sie eigentlich erst nach seinem Tod beginnt. Wie bitte? Nun … es ist zugegebenermaßen eine Zumutung, aber selbst wenn man das Ganze für eine gewaltige Phantastik hielte (was ich nicht tue), könnte man sich doch an den schönen Bildern und Vorgängen erfreuen, die Sigwart aus der Sphäre der Verstorbenen seinen hellwachen, auf der Erde lebenden Schwestern mitteilt, zum Beispiel diesen Bericht von einer Musikaufführung im Himmel:

Es war eine Vorstellung heute, bei der ich mitwirkte. - Ich war der Held der Sonne! Eine wunderbare, über alle Maßen großartige Feier! Es gab sonderbare Vereinigungen, Verschmelzungen von Farben und Tönen. Dieses Vermischen ruft eine ungeheuerliche Wirkung hervor und ist so schön und vollkommen, dass man selber in der höchsten Ebene mitfühlt und mitspielt. (S. 26)

Wenn man doch nur eine solche Musik wenigstens annähernd an irdische Ohren bringen könnte … dies war, was ich dachte, als ich seine Worte das erste Mal las. Bei dem Folgenden war ich sehr glücklich zu erfahren, dass die Himmelsmusik offenbar nicht bloß eine schöne Unterhaltung für die sich langweilenden Seelen der Verstorbenen und Engel ist, sondern auf die Erde herunter wirkt, ja die Erde durchtönen, durchleuchten und heilen soll:

Der Hauptzweck der Musik ist, die Gesinnung auf der Erde in eine andere Bahn zu leiten. Diese Musik verteilt sich in die verschiedensten Sphären, die eure Welt umgeben, und dieser Einfluss ist gewaltig. Vielleicht könnt ihr nicht recht begreifen, dass durch Musik die Menschheit durchgeistigter werden soll, aber es ist so. Die Musik ist die höchste Kunst, nur sie kann indirekt auf den Menschen einwirken. (S. 25)

Damit habe ich ein wenig umschrieben, wie ich Musik empfinde, wie ich versuche, eigene Musik zu schöpfen, weniger zu er-finden, eher zu finden. (Wenn mir etwas gut gelungen scheint, frage ich mich, warum habe ich das nicht schon eher „gefunden“? Gab es diese Musik vielleicht schon vorher, nur hat sie bisher noch niemand „entdeckt“? So kommt es mir manchmal vor …) – Hohe Ziele, ich weiß … aber ich versuche es!

Meine fundierte Ausbildung als Komponist (seit meinem 9. Lebensjahr komponiere ich, 2003 habe ich in Lübeck mein Komponistendiplom mit Auszeichnung abgeschlossen) bildet eine Art verlässliches Rückgrat, was mir hilft, das, was mir „vorschwebt“, in eine stimmige Form zu bringen. Komponiert habe ich schon sehr viel – mehrere Kisten voller beschriebener Notenblätter aus meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich weggeworfen, und nur wenige Stücke aus meiner Studienzeit und danach haben es „geschafft“ – vieles kam mir später zu „gedacht“ und nicht empfunden vor.

Zum Thema „fühlen statt denken“ noch eine Klarstellung: Es ist meiner Ansicht nach nicht so, dass das Denken in der Musik gar nicht vorkommen sollte. Es kommt aber auf seinen rechten Platz an. Oft habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: Das Denken hat seinen Platz vor dem Komponieren. Das heißt, dass ich andere Musik kräftig durchdenken kann und soll, um zu verstehen, wie sie gemacht ist. Nur ist es mit dem „Machen“ so eine Sache: Ich glaube, Komponisten haben immer viel weniger „gemacht“ denn tief musikalisch empfunden. Aber sie konnten im reinen Empfinden – man könnte auch sagen, im reinen Weben im Musikalischen – so gestalten, dass man sich das Ergebnis hinterher (wohlgemerkt: hinterher!) anschauen kann und feststellen: Da sind ja die und die Gesetze, Folgerichtigkeiten, stimmige Verbindungen, Motivzusammenhänge, Beziehungen … als hätte ich sie mir ausgedacht! Aber das habe ich nicht … ich habe mir nur vorher einen kräftigen „Empfindungsapparat“ geschaffen – mithilfe meines Denkens –, der dann während des Komponierens so verlässlich arbeitet, dass „Denk-bares“ in Erscheinung tritt. Würde ich während des Komponierens in dieser Weise denken, wäre ich draußen aus dem künstlerischen Prozess … (Es ist klar, dass es hier auch Übergänge gibt, auch Extreme in beide Richtungen – nichts Lebendiges lässt sich kategorisieren, ein für allemal festzurren und definieren – aber ich wollte andeuten, wie für mich der Idealfall ist, auch wenn ich ihn selbst nur selten erreiche. Wie gesagt – ich versuche es …)

Noch einmal konzentriert: Außerhalb der Musik sich auf allen möglichen Gebieten üben, innerhalb der Musik das alles loslassen und „wirken lassen“. Wir mussten alle einmal sehr viel Mühe für das Erlernen des Fahrradfahrens aufwenden, aber heute können wir es doch, wir würden sagen, rein aus dem Fahren heraus …

So entdeckt man etwas wie ein Hin- und Heratmen, das für das ganze Leben gilt, sofern man Spirituelles einbezieht. Im "stillen Kämmerlein", dem einen Teil, übt man intensiv für sich allein; in dem anderen Teil erprobt man das Erübte in der Welt. Dann hat man irgendwann so viele Erfahrungen gesammelt, dass man das Bedürfnis hat, diese einmal in Ruhe anzuschauen. Wenn das gelingt, kann man dazu kommen, sich selbst zu fragen, was man das nächste Mal besser machen könnte. Dann geht man in sich und sucht so etwas wie den „Idealzustand“, in den man sich vertieft. So gestärkt kann man dann wieder ins Leben gehen und schauen, ob sich das Geübte bewährt. Man macht wieder neue Erfahrungen – betrachtet sie in Ruhe – taucht wieder ins Leben ein – und so weiter. So gesehen laufen die verschiedenen Lebensbereiche nicht getrennt voneinander, sondern verbinden sich auf oft überraschende Weise. Da kann das Herausbringen des Mülls eine ungeahnte Verbindung zu den höchsten Ahnungen kosmischer Harmonien eröffnen – oder das strahlend gelbe Löwenzahnköpfchen am Wegrand weist einen Weg zu einem bisher nicht verstandenen Evangelienwort … so ist und bleibt das Leben spannend!

Heimat

In meiner Musik suche ich die Schönheit. Das, wo wir uns zuhause fühlen. Was uns im Innersten vertraut ist. Ich suche die Freude, aus der alles, auch die Trauer, gemacht ist. Meine Musik soll Trost und Kraft bringen, Hoffnung und Zuversicht, und an diesen inneren Ort der Heimat zurückführen.

Das ist die Kurzversion dessen, was ich sagen will. Nun etwas ausführlicher ...

Ich unterscheide drei Arten von Musik. Die erste wühlt auf. Sie malt düsterste Abgründe des Lebens und der menschlichen Seele nach. Zu manchen Gelegenheiten passt sie und gibt Kraft. Solche Musik finde ich oft faszinierend, aber im tiefsten Grunde befriedigt sie mich nicht.

Dann gibt es eine Musik, die inmitten der Abgründe auf einen Ausweg deutet. Aber der Erlebende sieht ihn nur aus der Ferne. Er kann nicht hindurchschreiten. Immerhin scheint ein Licht hindurch, weil das Tor geöffnet ist. Solche Musik finde ich schon lohnender.

Schließlich gibt es Musik, die auf einen Ausweg deutet, welcher auch wirklich durchschritten wird. Oder die Musik ist wie ein einziger Ausweg. Das heißt, ich müsste es paradox formulieren: Wo alles Ausweg ist, braucht es keinen Ausweg. Alles ist immer Erlösung. Aber es gibt nichts, von dem ich erlöst werden müsste. Solche Musik berührt mich sehr.

Übrigens kann man sehr genau merken, wie ernst ein Komponist es mit dem Ausweg meint. Es gibt da die ganze Bandbreite zwischen ironischem Spott, leisem Zurückweichen im letzten Moment und einem vollherzigen Eintreten in das Gebiet des Friedens und der Schönheit.

Aufwühlendes und Abgründe gibt es im Leben reichlich! Warum sollte sich all das in der Musik widerspiegeln? Das Leben gibt uns doch schon reichlich davon! Dennoch:

Das eine Mal empfinde ich es als stimmig, in meinem Aufgewühltsein musikalisch abgeholt zu werden. Die Musik führt mich dann sachte dem Tor zur Heimat zu.

Das andere Mal ist es wirksamer, wenn ich, als Aufgewühlter, gleich das hochdotierte Gegenmittel koste – die reine Schönheit der Musik. Dann, wenn ich eigenständig dieses Land betreten darf, das ich so inwendig kenne, aber das mir zwischenzeitlich fremd geworden ist.

Dieses Land meine ich mit „Heimat“. Musik, die uns erhebt, gleich welcher Art sie ist, führt uns in ein fremdes und doch tief vertrautes Land. Heimat. Man könnte es auch anders nennen: Ewigkeit, Bewusstsein, Liebe, Quelle, Stille, Präsenz, Gott. Sobald man beginnt darüber zu reden, wird es missverständlich. Eigentlich bräuchten wir nicht darüber zu reden, weil dieses Land nicht beschreibbar ist – und weil wir es alle so gut kennen. Insofern wäre es sinnlos, es sich gegenseitig zu beschreiben.

Jedem Menschen ist irgendeine Art von Musik nahe. Es ist sein persönlicher Weg zurück nach Hause. Es gibt keine allgemein gültigen Wege. Schönheit ist das Mittel, welches mich nach Hause führt.

How to Listen to Contemporary Music

(Some Preliminary Theses – Work in Progress)

1. Assume the music to be a living being you are encountering and having coffee with.

Listen to what the human behind the music (the composer) has to say. Give him or her a chance to speak. Regard them as a struggling being that is doing their best in order to express something that is important to him or her. Enjoy the conversation, and be open to learning something new. Choose to be interested.

2. Skip any judgment or prejudice.

Try to abandon categories of sympathy/antipathy, or beauty/ugliness. Take it as an exercise to refrain from judging, labeling, or overall rejection. Remind yourself of the possibility that contemporary music may not be about creating eternal masterpieces but documenting a personal process that may be attractive to others.

​3. Switch your focus.

If you cannot relate to the music because it has no discernible melody, rhythm, or familiar harmonic progression, switch your focus to another level. Mostly form or development is a good choice. Observe the music grow and evolve as if it were a plant. Whatever you observe – retain your neutral state of not judging.

4. If all this doesn’t help: Assume you were on a foreign planet you are about to discover.

Something may be familiar, something won’t. Whatever you perceive, you may never have perceived it before. What is it? How does it look or feel? Again, don’t label or judge, just observe. Be curious to make new experiences.

Once the music is over, the time has eventually come to ask yourself: How do I feel after I listened to this music? Do I feel uplifted or dragged down? Would I listen to this again if I am in a state of [insert mood]? I suggest to stick to this order:

  • Listen attentively, without prejudice.

  • Only then form your personal opinion.