Spagyrik

In diesem Wort, das man meistens erklären muss, stecken die Verben „trennen“ und „verbinden“. Es ist gleichbedeutend mit „Alchemie“, was viele als Begriff kennen. Aber viele Halb- und Unwahrheiten haben sich über die Jahrhunderte hinweg an den Begriff „Alchemie“ geheftet, weswegen ich lieber von der unverbrauchten „Spagyrik“ spreche.

Was wird getrennt, was wird verbunden? Zunächst gibt es in der Spagyrik eine Behauptung. Behauptungen gibt es viele in der Welt, und man kann manchen zustimmen und manchen nicht. In der Spagyrik aber lassen sich alle Behauptung im eigenen Tun selbst überprüfen. So auch diese:

Jedes lebendige Wesen trägt in sich die Prinzipien Sulfur, Merkur und Sal.

Sulfur: Das Charakteristische, das Persönliche, das Besondere, die Farbe, der Geruch, die Gestalt; das, woran man ein Gänseblümchen von einer Rose unterscheiden kann; Feuer, die Essenz, das Öl, Streben nach oben; die Seele oder das Bewusstsein, das Ewige.

Merkur: Das Gestaltlose, Eigenschaftslose; das, was vermittelt und sich gern mit allem verbindet, das Fließende, Bewegliche, Wasser, Qualm, Alkohol, Essig.

Sal: Das Körperliche, der Leib; die Erde, das Schwere, Kalte, Feste; Kohle, Asche und Salz.

In der spagyrischen Praxis werden diese drei Prinzipien voneinander getrennt: zum Beispiel der Merkur vom Sulfur durch Destillation oder das Sal vom Sulfur durch Calcination (Veraschung). Dann gereinigt – die Asche wird gelaugt, die Tinktur wird gefiltert – und schließlich in einer „Chymischen Hochzeit“ wieder miteinander vereinigt. Dabei kann erlebt werden:

Die Natur ist auf eine Weise unvollständig. Sie wird erst vollständig, wenn sie der Mensch erhöht.

„ Erhöhung“ bedeutet die Einbettung in eine neue Ordnung – eine Rückkehr zur natürlichen Ordnung.

Als ich zum ersten Mal meine Apfelblütenessenz destillierte, kamen mir die Tränen – weil es mir gelang, mitzuerleben, wie das Feine, „Himmlische“ nach oben in den Destillierhelm aufsteigt und das Schwere, Irdische unten im Kolben zurückbleibt. Die Stimmung des gerade geborenen Merkur im Glashelm war am ehesten zu vergleichen mit Osterjubel – aber ganz still, fein und von atmender Reinheit.

Ähnlich ging es mir mit dem Erleben der Calcination des Sulfur fix, dem dickflüssigen Rückstand im Kolben bei der Destillation. Zunächst nahm die klebrige Masse eine rabenschwarze Farbe an, und drohende Blubberblasen stiegen auf, so wie man sich naiv die Hölle vorstellt! Das Flüssige verdampfte, und zurück blieb die schwärzeste Kohle, die ich je gesehen habe. Nun das Kohlenfeuer noch mehr angeheizt, denn in der Hölle wollte ich nicht bleiben: es sollte eine Auferstehung geben! Und die kam auch, denn die schwarze Kohle färbte sich in der großen Hitze nach und nach weiß. Und daraus gewann ich später durch Auslaugen und Verdampfen ein klares, transparentes Salz. Eine Erde also, die Licht geworden ist!

Schon in den Anfängen der Spagyrik ist mir deutlich geworden, dass jedem äußerlich vollzogenen Prozess ein innerer entspricht. Man kann ihn übersehen und nur im Außen „werkeln“, man kann sich gleichzeitig aber auch der inneren Vorgänge bewusst werden und sie wach miterleben. Dann vollzieht sich in meinem Inneren ebenfalls eine Trennung, eine Reinigung und schließlich eine Wiedervereinigung auf höherer Stufe. Das ist sehr beglückend.

Die spagyrischen Handgriffe sind sehr einfach, aber sie müssen mit Entschlossenheit und auch dem rechten Wissen vollzogen werden. Ich sollte nur das tun, was ich auch denkend durchdrungen habe, was ich verstanden habe und von dem ich weiß, dass ich es auch kann. Spagyrik ist eine Kunst. Jeder Kunst liegt ein sicheres Können zugrunde. Kann ich gekonnt mit dem umgehen, was ich vorfinde, bin ich ein brauchbarer Mitarbeiter auf dem Weg zur Verwandlung der Erde.

Seit ich Anfang 2026 die Ausbildung in Spagyrik bei Christoph Pollak begonnen habe, sind mir diese Zusammenhänge viel klarer geworden. Ich arbeite nahezu jeden Tag praktisch-spagyrisch und sammle so viele Erfahrungen, wie ich nur kann. Schon jetzt arbeite ich an speziellen Heilmitteln, die ich aus verschiedenen selbst hergestellten Substanzen „komponiere“ für einen bestimmten Menschen, der mich um Rat und Hilfe gefragt hat. Ich habe die Ahnung, dass ich einmal einem größeren Menschenkreis mit individuell hergestellten spagyrischen Heilmitteln konkret helfen kann. Im Moment bin ich aber noch am Lernen und am Aufbau meiner künftigen Arbeit.